Vom Marktfahrer zum Bier-Sommelier

Genau vor 30 Jahren hat er schon einmal einen Coup lanciert: Guido Albrecht installierte auf dem St. Galler «Jömes» einen Handwagen, der aussah wie das Mittelteil einer alten Dampflok. Im Innern konnte Albrecht American Potatoes braten, dazu gab es die berühmte Sour-cream-Sauce. Das Geschäft lief wie geschmiert, weil es viele gab, die nicht immer nur Chäschüechli, türkischen Honig und Bratwürste essen wollten.

Jetzt sitzt Guido Albrecht im «Mühleggli», ist zur frühen Morgenstunde schon putzmunter wie damals und erzählt seine Odyssee. Doch zuerst zu seinem jüngsten Projekt: Anfang Dezember wird er im ehemaligen Restaurant Han in St. Gallen die erste Bierakademie in der Schweiz eröffnen. Die Umbauarbeiten laufen auf Hochtouren. Wie immer ist die ganze Familie mit von der Partie. Die drei Töchter malen und dekorieren, und alle Schwiegersöhne packen mit an, wenn es darum geht, den «mongolischen Touch», wie ihn Albrecht nennt, zu entfernen.

Bratwürste für SFS

Die jüngste Idee kann nicht von Albrechts buntem Lebenslauf isoliert betrachtet werden. Der gelernte Elektriker arbeitete für Sulzer lange Zeit in Saudi-Arabien und tat sich – nach seiner Rückkehr in die Schweiz – schwer mit der hiesigen Mentalität. «Ich wollte selbständig werden und kam auf die Idee, Baked Potatoes an Jahrmärkten anzubieten», erzählt Albrecht, der immer noch aussieht wie ein gemütlicher Seebär. Ständig fand er neue Nischen. Als die AFG Arena gebaut wurde, fragte er bei HRS an, ob er einen Imbiss-Stand für die Handwerker aufstellen könne. Das Nein der Bauleitung stachelte ihn erst recht an. Er ging zur benachbarten Firma SFS und durfte in deren Lager eine Beiz eröffnen. «Mit 450 Plätzen. Sie war immer gerammelt voll. Ich habe innert zwei Jahren 30 000 Bratwürste verkauft», sagt er und lacht.

Master in Bier-Kunde

Dann wollte Albrecht wieder zu neuen Ufern aufbrechen. Weil Bier zu seinen Lieblingsgetränken gehört und er keine halben Sachen mag, liess er sich zum Bier-Sommelier ausbilden. «Derzeit bin ich gerade daran, den Master zu machen. Was lag näher, als meine Kenntnisse weiterzugeben?», sagt er. Es gelang ihm, mehr als zwei Dutzend Brauereien für sein Vorhaben zu begeistern. In speziellen Kursen können sich aber nicht nur Bierfachleute, sondern auch Private weiterbilden. Albrechts Programmbogen ist weit gespannt: «Wir werden Bierreisen anbieten oder spezielle Events und das Kochen mit Bier schmackhaft machen.» Die Verarbeitung des Gerstensaftes kennt Guido Albrecht aus dem Effeff. Neulich half er einem Bräutigam bei der Erfüllung eines Spezialwunsches. «Er wollte auf der Hochzeitsfeier sein eigenes Bier.» Zusammen mit dem couragierten Mann braute Albrecht ein Bier, das allen so mundete, dass das von seiner Partnerin geführte Restaurant «Waffenplatz» aus den Nähten platzte.

Ein Getränk für alle Welt

Mit Blick auf die Eröffnung der Bierakademie hat sich Albrecht ein umfassendes Wissen angeeignet. Er erinnert an den berühmten St. Galler Klosterplan, nach dem die Brauereien im 9. Jahrhundert gebaut wurden. Oder an Hildegard von Bingen, welche die Heilkraft und die aseptischen Wirkungen des Hopfens als erste weit herum bekannt machte. «Natürlich wurde Gerstensaft schon im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris gebraut, entsprechende Funde deuten darauf hin», erzählt er unter anderem. Interessant ist beispielsweise, wie sich die Geschmäcker der verschiedenen Völker unterscheiden, wenn es um Bier geht. Die Amerikaner mögen es am liebsten sehr bitter. In anderen Gegenden sind «modische» Sorten salonfähig geworden. Es gibt Biere mit Bananen- oder Rauchgeschmack. Wenn Guido Albrecht ins Schwärmen gerät, vergeht die Zeit wie im Flug.

Akademie bietet 120 Sorten

Eine Frage kann man sich dann aber doch nicht verkneifen. Schützengarten-CEO Reto Preisig sagte neulich im Interview mit unserer Zeitung, Bier mache garantiert nicht dick. Ein Blick auf die kompakte Figur von Albrecht bestätigt dies aber nicht. «Das kommt nicht vom Bier, sondern weil ich halt einfach gerne gut esse», quittiert er.

120 verschiedene Biersorten werden in seiner Bierakademie angeboten, darunter sogar eine Art Bier-Champagner oder Bier-Whisky. «Ihnen ist gemein, dass sie Hopfen als Grundstoff haben.» Und der wachse auf der ganzen Welt zwischen dem 35. und dem 55. Breitengrad – was auch erklärt, wieso er in der Kartause Ittingen gedeiht. Im übrigen treffe nicht zu, dass Bier zuerst in Klöstern gebraut worden sei, sagt Albrecht. Es seien die Hausfrauen im Mittelalter gewesen, die zur Hochzeit einen Topf bekamen, in welchem sie dieses Getränk ansetzten. «Bei einer Scheidung bekamen sie den Topf zurück», sagt Albrecht augenzwinkernd. Si non è vero è ben trovato – wenn es nicht wahr ist, ist es gut erfunden.